Rückblick: Dampflokfahrt an den Bodensee

Abenteuer jenseits des Fahrplans

Waiblingen/Lindau. „Das war ein Abenteuer für sich“, äußert sich ZVW-Leser Holger Goergens aus Remshalden über die Dampflokfahrt an den Bodensee mit dem historischen Verein DBK. 102 ZVW-Leser erlebten das „andere“ nostalgische Reisen in historischen Zügen. Dass dabei nicht alles so reibungslos lief, ist den besonderen Umständen einer Sonderfahrt geschuldet.

Die meisten ZVW-Leser haben trotz Verspätung, Hitze und über zehnstündiger Bahnfahrt ihre gute Laune bis zur Rückkehr in die Heimatbahnhöfe Waiblingen und Winnenden kurz vor Mitternacht behalten. Lob gebührt den freiwilligen Schaffern und Schaffnern des historischen Bahnvereins DBK, die unermüdlich zum Wohle des Fahrgastes rödeln – und dabei mit einigen Tücken des Systems kämpfen müssen. Ein kurzer Satz in den überall im Zug ausgelegten Speisekarten weist auf die Unbill hin, die sich teilweise bewahrheiten sollte: „Durch Zugkreuzungen und das Überholen anderer Züge ergeben sich Wartezeiten.“

Bahnreisen in alten Zügen ist naturgegeben nicht dasselbe wie komfortables Bahnrasen mit dem ICE. Das Tempo ist langsam, das Unterwegssein selbst bedeutender als das pünktliche Ankommen. So sehen das die Bahnenthusiasten des DBK. „Keine Fahrt gleicht der anderen, es ist immer wieder was Neues, das macht den Reiz aus“, erklärt Vorstandsmitglied Konstantin Neer, beim DBK zuständig für Betrieb und Technik.

Als die Zugtoilette noch „Abort“ hieß

„Die Dampflokfahrt ist die größte Aktion für unseren Verein“, sagt Konstantin Neer. Unzählige Stunden investieren Zug- und Lokführer, Schaffner und Heizer, eine nach eigenen Aussagen „chaotisch verrückte Truppe“, in ihr Hobby. Konstantin Neer erklärt auf Nachfrage die angefallenen Störungen bei dieser Fahrt: „Das erste Problem trat bereits bei der Hinfahrt auf: Das DB-Netz hatte in der ursprünglichen Planung die Baustelle bei Ulm nicht berücksichtigt – bei der Fahrplanänderung kam dadurch eine deutlich verlängerte Fahrzeit zustande, welche den Aufenthalt am Bodensee verkürzt hat. Durch diese Änderung fiel leider auch die Zeit zum Wenden und Restaurieren (Feuer „aufräumen“, Wasser füllen, Lok und Kesselwagen schmieren, Kohle laden, Drehfahrt) der 64er kürzer aus.

Auch die Nostalgie mischt kräftig mit: Es rumpelt und ruckelt und man klebt bei der Hitze auf dem roten Kunstleder fest. Dazu der Geruch: Immer wieder ziehen Schwaden verbrennender Kohle durch die weit geöffneten Fenster herein, die Abteile sind phasenweise vernebelt, und es riecht eindeutig nicht so neutral wie in einem klimatisierten Großraumwagen. „Das ist das Aroma, das gehört doch dazu“, meint optimistisch ein Leser aus Waiblingen, der vor einem der klappbaren Notsitze vor den WCs „testsitzt“ und ein kleines Déjà-vu erlebt. „Wie früher“, sagt er und lässt den Klappsitz demonstrativ gegen die Wagenwand knallen, der ein ohrenbetäubendes Geräusch verursacht. Viele mitfahrende Kinder schauen irritiert auf die WC-Türen, auf denen „Abort“ steht, die Eltern übersetzen. Die darin befindliche Spülung funktioniert mit Fußpedal – für die sechsjährige Mia, die mit ihrer Oma aus Urbach die Fahrt macht, ist es eine Begegnung mit einer ihr fremden Welt. „Ich dachte, das sei vielleicht die Notbremse“, sagt sie staunend.

Ihr Bruder Lucas tut, was viele Kinder tun, denen die frei schwebenden Übergänge zwischen den Waggons ohne Dämmungen nicht ganz geheuer sind: Sie sehen durch die Spalten hindurch die Bahnschwellen unter sich durchrasen und springen in einem Satz drüber, aus Angst, der Steg könnte durchbrechen. Ganz anders natürlich die Erwachsenen. ZVW-Leserin Heike Mewes aus Berglen hat bis zum Ausstieg ein Strahlen im Gesicht, wenn sie einem auf dem Gang begegnet. Sie fühlt sich an „alte Zeiten erinnert, als wir täglich von Schwaikheim nach Winnenden zur Schule gefahren sind“.

Verspätungen nehmen die Leser gelassen hin

Faszination Bahn bedeutet, mit Überraschungen zu leben, was sich für die Reisegäste gleich mehrfach bewahrheitet. Der Zeitplan ist stramm: Auf eine Verspätung wegen Bauarbeiten zwischen Ulm und Laupheim wird jeder Fahrgast schon beim Zustieg mit Plakaten und Flyern vorbereitet. Hinzu kommen etliche Stopps infolge von Zugkreuzungen. Die Zeit fehlt in Lindau zur freien Verfügung. „Die Zeit hat gerade für einen Eiskaffee am Hafenbecken gereicht, aber der hat gut geschmeckt“, sieht es ZVW-Leser Holger Goergens pragmatisch.

Auch wenn nicht jedem angesichts der langen Bahnfahrt danach zumute ist, laut Hurra zu schreien: Der Großteil unserer Leser beweist Nerven aus Stahl und behält die gute Laune: „Wir wollen uns einen schönen Tag machen und den lassen wir uns nicht durch ein bisschen Verspätung nehmen“, sagt Heike Mewes. „Die Bootsfahrt bei dem tollen Wetter haben wir sehr genossen“, ist zu hören. Ein ZVW-Leser formuliert auf seine Art: „Der Mensch ist nie vollkommen, also können es auch die Maschinen, die er baut, nicht sein.“

Humor ist kein Fehler, er dürfte schon den Bahnreisenden des 19. Jahrhunderts an Bord über manche Durststrecke hinweggeholfen haben. Viele Fahrgäste verlieren ihn auch im 21. Jahrhundert sogar dann nicht, als sich die halbe Welt gegen den gemächlich bummelnden, dampfenden Zug aus dem Schwäbischen Wald verschworen hat. Dass in Friedrichshafen nicht wie gedacht vom Hafen, sondern vom weiter entfernten Stadtbahnhof abgefahren wird: Überraschung – auch für die DBKler. Die Verspätungen durch eine Baustelle und die eingleisige Streckenführung zwischen Ulm und Laupheim: haben laut Konstantin Neer die DBKler nicht in der Hand.

Der Fahrdienst der Deutschen Bahn lässt zuerst den Fernverkehr durch, danach den Regional- und den Güterverkehr und als Letztes die Sonderfahrten. Auf der Heimfahrt zwingt dann auch noch ein Böschungsbrand zu einem außerplanmäßigen Halt in Süßen. Das Abenteuer Dampflokfahren ist perfekt. Nach über 15-stündiger turbulenter Tour sitzen am Ende des langen, vorletzten heißen Sommertags lauter freundliche, zwar müde, aber doch entspannte Menschen in den Großraumwagen, freuen sich über den prächtigen Sonnenuntergang, der sich vor den milchglastrüben historischen Scheiben aufbäumt, und genießen das gute Essen, das die DBK-Ehrenamtlichen unentwegt an die Plätze bringen. Die Bordverpflegung ist vom Feinsten: Obwohl nicht alles lief wie geschmiert, die Brötchen werden mit viel Liebe und frisch geschmiert. Die Backwaren kommen vom Handwerksbäcker, die Wurst vom lokalen Metzger, sieben Kuchen von ehrenamtlichen Bäckerinnen des Vereins.

Verpflegung in den Waggons ist vom Feinsten

Man sitzt phasenweise kaum länger als zehn Minuten auf dem Platz, ohne dass Klaus Höfer und Peter Wagner mit ihrem Verkaufswagen und einem historischen Galoppgeldwechsler vorbeiholpern oder einer der Helfer warmen Fleischkäse im Zug verkauft.

Draußen dampft’s, drinnen mampft’s: DBKler schweben mit Körben wie fliegende Händler durch die Abteile und kommen mit dem Getränkekühlen kaum hinterher. Auf der Rückfahrt bringen sie den dürstenden Kehlen eisgekühltes Bier. „Fünf Kisten auf den ersten 16 Kilometern, das ist rekordverdächtig“, schildert Philipp Wagner, wie ihm und den Kollegen die „Löschzwerge“ und das Dampf-Bier aus der Hand gerissen werden. Für die Fahrt wurde ein Extra-Güterwagen hinten an den Zug gehängt und zu einer 23 Meter langen, mobilen Küche mit Kühlhaus und Theke umgebaut. Mit jedem Bissen steigt die Laune.

Der Einsatz des Gastronomieteams kann erneut nur mit der Leidenschaft erklärt werden, mit der die DBKler ihr Hobby betreiben. Sie scheinen das Motto zu beherzigen, das an Bord von Schiffen gilt: Wenn der Koch nichts taugt, gibt es eine Meuterei. Die bleibt zum Glück aus. Vermutlich, weil viele es so locker nehmen wie ein Reisegast, der genüsslich Kuchen isst und sich am „Großen Ganzen“ freut: „So ein schöner Tag, am herrlichen See, da kann man gar keine schlechte Laune kriegen.“