Rückblick: Landesgartenschau in Mühlacker

Reise an die lebendige Enz


Ein Besuch auf der sehenswerten Landesgartenschau in Mühlacker

Mühlacker / Waiblingen. Ein Füllhorn an Gartenschönheiten, Pflanzen und Blumen zeichnet die Landesgartenschau in Mühlacker aus. Zugleich hat die Gartenschau die Stadt um eine neue „grüne Ortsmitte“ und das renaturierte Enzufer bereichert. Es gab also viel zu entdecken für die Teilnehmer der ZVW-Leserfahrt.

Unser sympathischer Gartenschau-Guide Heinz Maile scheint besonders heiter aufgelegt zu sein, als er die Gäste aus dem Remstal in Empfang nimmt: Siehe an, er ist „Exil-Remstäler“, den es vor vielen Jahren von den Rems-Gestaden an die Ufer der Enz verschlagen hat, die er nun mit den Besuchern aus seiner alten Heimat abwandert. Fragende Gesichter begleiten seine Ausführungen, als er erklärt, Mühlacker richte die „kleine“ Gartenschau aus. Denn die ZVW-Leser stellen nach den ersten Metern beim Blick auf das weitläufige Gelände fest, dass sie alles andere als ein „kleines“ Blumenparadies betreten haben.

Vom Eintreten an lacht uns die glitzernde Wasseroberfläche der Enz an. Wir befinden uns in den „Enzgärten“, so lautet der Untertitel der Gartenschau. Und überall ist es „sehENZwert“, wie es das Motto unter gezielter Umgehung der korrekten Rechtschreibung nahelegt. Denn damit hat es eine Bewandtnis: Die Enz ist das Zentrum der Gartenschau. Ihre Renaturierung bildet die Grundlage für das gesamte Gelände, informiert uns der Guide.

Der Weg führt unsere Leser ganz nah ans Ufer. Zuerst zur sogenannten „stillen Enz“, die ruhig daliegt wie ein See. Staunende Blicke wandern zu den schwimmenden Skulpturen, die fest im Grund verankert sind, sich aber dennoch leicht bewegen. Dieser Abschnitt mit der künstlerisch gestalteten Uferlandschaft sei in der ursprünglichen Planung der Gartenschau nicht vorgesehen gewesen und erst nachträglich hinzugekommen, erläutert der Gartenschauführer. Die „stille Enz“ wurde zur Stromerzeugung aufgestaut, was mit im Wasser installierten Wasserrädchen thematisiert wird. Jedes dieser wie Kinderspielzeuge im Wasser rotierenden Minikraftwerke erzeuge Strom, erfahren wir. Stolz ist Mühlacker auf seine für 1,1 Millionen Euro neu geschaffene Fischtreppe am Wasserkraftwerk. Die bisherige Fischaufstiegshilfe war an den Fischen vorbeigeplant worden: Die Fische konnten sie nicht nutzen. Mit der neuen, 180 Meter langen Treppe, die einen Fischaufstieg und einen Fischabstieg enthält und nicht wie bisher einen bei Fischen unbeliebten „Zweirichtungsverkehr“, soll für viele Wasserlebewesen „eine neue Ära anbrechen“, wie das örtliche Mühlacker Tagblatt zum Spatenstich im Dezember 2011 schrieb.

Dieses Datum macht klar, welch langen Vorlauf die Gartenschau für die Große Kreisstadt hatte, in der viele an einem Strang gezogen haben: Schulen, Vereine, Verbände, Institutionen, Firmen und Privatpersonen haben sich eingebracht. Damit habe die Gartenschau außer der Landschaft auch die Menschen verändert: Der Stadtteil Dürrmenz und das am linken Ufer liegende Mühlacker haben sich „mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen zusammengerauft“ oder vielmehr freudig beschlossen, sich in Bürgerprojekten zu engagieren, weiht der Enzgärten-Kenner in die etwas jüngere Ortsgeschichte ein. Wie er auch an das Jahr 1853 mit launigen Anekdoten erinnert, als Mühlacker zwei Bahnhöfe hatte: einen württembergischen und einen, den die Badener gebaut haben. Weil im östlicher gelegenen Württemberg angeblich die Uhren etwas vorgingen, haute es mit den Abfahrtzeiten nicht hin - ein gefundenes Fressen für kleine freundschaftliche Seitenhiebe auf die alte badisch-württembergische „Nicht-Vereinbarkeit“, die dann ja doch noch zur einvernehmlichen „Ehe“ geführt habe. Beim Stichwort Ehe lenkt der Gartenschauführer die Aufmerksamkeit auf die renaturierte Enz: Ein „Ehebett für die Enz“ sei geschaffen worden, mit einem „richtigen Gräbele“, durch das sich das Wasser über Steine hinweg kräuselt.

Am Enzufer angelangt bestimmt üppige Vegetation das Bild. Die Farbenpracht nimmt zu. Überall grünende und blühende Weggefährten. Hier plätschert ein kleines Wasser in einem Eisenbassin, dort spiegelt sich die Sonne am Fontänenplatz, wo das Wasser senkrecht aus dem Boden schießt. Die Brunnenanlage macht das Thema Wasser erlebbar und bleibt wie die Fischtreppe, das neu geschaffene Jugendhaus und die Lese-Insel nach der Gartenschau bestehen. Diese Daueranlagen bereichern schon jetzt das Ortsbild, haben völlig neue Orte und Plätze, Nischen und Wohlfühlräume geschaffen, die sich dem Besucher auf Schritt und Tritt erschließen. Die ZVW-Leser loben die Art, wie die Gartenschau in die Natur integriert ist, als wäre es schon immer so. Doch tatsächlich wurde die gesamte Ufer- und Flusslandschaft neu gemacht - nichts ist mehr so wie davor, als man in Mühlacker zwar einen Fluss hatte, ihn aber nicht richtig nutzen konnte, da es nach Information von Heinz Maile stellenweise lebensgefährlich werden konnte, sich dem Wasser über steile Zustiege und Böschungen zu nähern. Heute hingegen: Grüne Flusslandschaft, ein Naturidyll mit gesichertem Hochwasserdamm und einem freien Blick auf die Löffelstelzruine. Unter der Brücke dreht sich ein Wasserrad - der Bezug zum ortsnamensgebenden Mühlrad darf nicht fehlen. Beim Um- und Ausgraben der Enz unterhalb der Brücke stieß man auf viele alte Fundstücke. Die „Schätze der Enz“ - Biberschwanzziegel, Hufeisen und eine Geldbörse mit englischen Münzen - werden von den Lesern bestaunt, bevor es am Grenzgängergarten zum Weiterstaunen in die „blühenden Gärten“

Hier angelangt an der „lebendigen Enz“ tut sich eine riesige Vielfalt des Wachsens und Gedeihens in der „kleinen“ Gartenschau auf: Blüten bilden Halbkreise auf dem Boden und schmücken als gelbe Teppiche die Rasenflächen. Schneewittchen („Purpurglöckchen“), Elfenblume, Zauberschnee, Schmuckkörbchen, Mutterkraut und großes Löwenmaul bilden ein weißes Naturensemble. Vorbei an einem „Muschelkalk-Drehkreuz“ geht es in die vier von Profigärtnern, Landschaftsarchitekten und Floristen gestalteten Bereiche: Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, Seniorenalter, die zugleich auch die vier Jahreszeiten symbolisieren. Mit dabei der preisgekrönte Garten des Nachwuchswettbewerbs „Zurück zu den Wurzeln“, den ein Auszubildender des Verbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau nach dem Vorbild des Gartens seiner Oma gestaltet und nachempfunden hat, mit Magnolienbaum, Gemüse und einem Rasen für den Mann, „damit er was zu mähen hat und beschäftigt ist“, wie Heinz Maile ulkt.

Gekonnt steuert er in der Mittagshitze die schattigen Plätzle an, vorbei an Hochbeeten, Rosenblüten und Pflegetipps, auf gepflegten Wegen durch Gärten und Nischen zum Sitzen und Liegen. Beim Betrachten der malerischen Kurve, den die Enz macht, rückt der charakteristische Senderturm in den Blick: Kommendes Jahr soll der 237 Meter hohe Rundfunksenderturm abgebaut werden, der letzte von ehemals drei Sendern. Ein für die Gartenschau gebauter „Spielplatzsender“, bleibt als Erinnerung an die „Senderstadt“ stehen.

Wer ab und zu auf eine Gartenschau geht, bleibt an den mannigfaltigen Ideen hängen, mit denen Kunst, Gestaltung, Recycling, Natur, Gartengestaltung und Landschaftsarchitektur zum Gesamtkunstwerk verschmelzen. Leserin Edelgard Schneider hat sich über die „Pflanzen im Ranzen“ von Schülern gefreut, über den Vogelhäuslebaum, die Steinmännle oder über einen simplen Bierkrug, in dem ein kleiner Blumenstock wächst. „Hier kann man mit den Augen auf Wanderschaft gehen und Ideen aufpicken“, sagt sie.

Außer den Augen wird auch die Nase, die sich an fein-würzigen Düften beseelen mag, beschäftigt: Im südländischen Duft- und Kräutergarten nähert man sich den aromatischen Schönheiten aus aller Herren Länder: Olivenkraut und blaue Duftnessel, spanisches Bohnenkraut, Mönchspfeffer aus der Türkei, Duft von Currykraut und Eukalyptus, Etagenzwiebel aus Zypern und sogar eine Kaugummipflanze sind hier vorübergehend heimisch geworden. Wie auch die Maulbeerbäume, die in der frühen Ortshistorie wurzeln, wie Maile aufklärt: Die Glaubensgemeinschaft der Waldenser hätte „außer dem Glauben und den Kartoffeln“ auch die Maulbeerbäume mitgebracht, denen auf der Gartenschau eine neue Heimstatt geboten wird. „Das Blau ist jetzt so schön“, sagen zwei Leser und lassen ihre Augen über einen Blütenteppich schweifen. Barbara und Harald Voigt bewundern die Blumen und Frühjahrsgärten: „Das satte Gelb hat es uns angetan, das ist Sommer.“ Wie sie die Enz ausgebaggert haben, hat Isolde Dittl imponiert, die Mühlacker bisher nur „vom Durchfahren auf dem Weg nach Pforzheim“ kannte.

Zwei Leserinnen aus Winnenden probieren das „Sofa“ aus, das aus alten Paletten gemacht wurde. Die Gartenschau bietet viele Sitz- und Liegegelegenheiten, so dass man sich alleine mit Hinliegen, Faulenzen und Sitzen einen halben Tag beschäftigen könnte, um alles annähernd auszukosten. Unsere Leser lassen sich nach all den Gärten und grünen Inseln gerne im Schatten einer der Bäume auf dem Dammweg nieder oder sitzen unter den großen Schirmen der Gastronomie: Man kann sich kaum einen besseren Platz vorstellen, um diesen Tag ausklingen zu lassen.